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Der Ernst-Busch-Chor und seine Lieder 
in der heutigen Zeit

Angesichts jüngster Diskussionen im Chor über die Auswahl von Liedern und das Auftreten des Ernst Busch Chores in der heutigen Zeit ist es vielleicht hilfreich, einige Positionen zu klären und die Auseinandersetzung zu versachlichen.

1. Ernst Busch war immer eine Person seiner Zeit. Er "ging mit dem Jahrhundert", seinen politischen Ereignissen und so hat sich auch sein Liedschaffen und seine schauspielerische Entwicklung stetig verändert und weiter entwickelt. Er war Neuem gegenüber aufgeschlossen, hat - wie viele andere auch - geirrt und trotzdem immer einen klaren politischen Standpunkt im Sinne der Klasse vertreten, aus der er kam, der Arbeiterklasse.
Wir müssen auch mit unserer - sehr komplizierten - Zeit gehen, auch mit einem sich verändernden Publikum und trotzdem einen politischen Standpunkt haben, der sich an den politischen Grundhaltungen von Ernst Busch und den progressiven Grundzügen der heutigen Zeit orientiert. Wer im Ernst-Busch-Chor ist, ist in einem Chor mit politischer Aussage!

2. Ernst Busch hatte aber auch ein breites sängerisches Repertoire. Er war nicht nur der "Barrikaden-Tauber" mit revolutionären Liedern oder derjenige, der im Radio Moskau der Komintern nach seinen eigenen Worten "gebrüllt" hat. Busch kannte auch die alten und neuen Volkslieder seiner Zeit ."Am Brunnen vor dem Tore" war ihm genauso bekannt wie" Oh! Susanna", die "Ballade von der Marie A" oder "Anna Luise". Er war Revolutionär und Romantiker zugleich und wir dürfen ihn nicht auf die eine oder andere Sichtweise verengen. Wir sind kein unpolitischer "Volkslieder - Chor" (der auch seine Berechtigung hat), aber auch kein Agitprop-Chor. Wir sind dem "ganzen Busch" verpflichtet. Auch Lieder des sogenannten klassischen Erbes wie von Beethoven, Händel und Schubert, Texte von Tucholsky, Kästner und Majakowsky gehören zu Busch und damit zu unserem Chor.

3. Ernst Busch hat sein sängerisches Auftreten, sein Programm der Zeit und dem Publikum angepasst und zugleich immer versucht, eine politische Botschaft zu vermitteln.
Als er 1936 in Leningrad vor Matrosen deutscher Handelsschiffe und in der roten deutschen Wolgarepublik vor deutschen Kolonisten auftrat, hat er sie zunächst mit deutschen Volksliedern für sich zu gewinnen versucht und dann  schrittweise seine revolutionären Lieder eingeführt, um ihnen seine politische Botschaft zu übermitteln. Er hat es damals geschafft und das gilt es auch heute zu beachten.

4. Ernst Busch war in seinem sängerischen Schaffen sehr schöpferisch, sowohl textlich als auch was die Melodien betraf. Er hat sich u.a. in Proben mit Brecht und Eisler "angelegt", wenn er meinte, eine Textstelle und Note wäre schwer zu singen und also zu verändern und sie haben ihn meistens gewähren lassen, weil er meistens auch recht hatte. Und er hat auf populäre Volkslied-Melodien völlig neue Texte geschrieben, wenn die alten seiner Meinung nach nicht mehr in die Zeit passten.
Das kann man an solchen Liedern wie Suliko; Oh! Susanna; Go home, Ami go home und anderen
sehen. Und Busch sang oft auch nicht völlig notengerecht, was man ihm nachsah,  für den Chor  aber nicht unbedingt nachahmenswert ist. Auch wir müssen den Spagat,  zwischen dem  bewahren des Alten und schöpferisch dem Neuen zugewandt zu sein, schaffen. Busch hätte in der heutigen Zeit auch die linken politischen (und anderen) Lieder  gesucht und gesungen.  Also in der Tradition von Busch leben heißt für unseren Chor, nach solchen neuen Liedern suchen und sie popularisieren.

5. Busch war meistens kompromisslos in seiner Meinung bei der Interpretation von Liedern und
hat oft nicht nur Stunden, sondern Tage an einer (Schallplatten-) Aufnahme "gefeilt". Also Selbstzufriedenheit war seine Sache nicht und davon können wir auch heute noch lernen.
Zugleich war er auch anderen Argumenten gegenüber zugänglich, wenn er überzeugt war, dass sie fundiert und der Sache hilfreich waren.
Wir müssen im ganzen Chor mehr Demokratie üben, mehr diskutieren bei der Auswahl unserer Lieder, Auftrittsorte und Programme. Dabei ist Sachlichkeit und Toleranz in der Diskussion notwendig!
Ernst Busch war ein komplizierter Charakter. Er konnte liebenswert und charmant sein, aber auch aufbrausend, arrogant, cholerisch und rechthaberisch. Das hat ihm verständlicherweise nicht nur Freunde geschaffen und seinen Schaffensprozess oft negativ beeinflusst.
Also Toleranz gehörte nicht zu seinen Stärken. Sie ist jedoch in einem Chor unbedingt notwendig. Toleranz, Harmonie und stimmlicher Wohlklang gehören zu den Grundlagen eines Chores, besonders
des unseren, eines Seniorenchores. Um dies zu gewährleisten müssen verschiedene Meinungen in sachlicher und offener Weise ausgetragen werden und frühzeitig genug, um "Grabenkämpfe" zu vermeiden.
Wir  müssen im Ernst-Busch-Chor  immer eine Balance finden zwischen "zu wenig" (politisch-proletarischem) Busch und zu viel. Der "ganze Busch" lehrt uns ein anderes.

6. Busch war von seiner Herkunft  Proletarier. Seine Universität war das Leben. Er hat keine Fremdsprache studiert. Er sprach nur deutsch, Platt-Deutsch und flämisch. Er sang überwiegend in deutscher Sprache, auch vor ausländischem Publikum und wurde trotzdem verstanden. Er hat sich aber im Gesang auch in anderen Sprachen versucht, so Lieder (oder einzelne Strophen) in Flämisch, Spanisch, Russisch, Englisch und Französisch, gesungen. Als er in der Sowjetunion war, sprach er davon, dass er in russisch "rumstottere". Trotzdem arbeitete er an einer besseren deutschen Version von "Suliko" aus dem Russischen. Und im Spanischen Bürgerkrieg sang er seine Lieder in spanischer Sprache.
Das sollte uns Ansporn für unsere Lieder  in fremden Sprachen sein und seien es nur einzelne Strophen. Die Mehrheit unserer Lieder wird ohnehin in deutsch gesungen und so sollte es auch bleiben.

7. Ernst Busch sang vorwiegend als Solist, aber auch zusammen mit Chören, sowohl professionellen. als auch Laienchören. Die meisten Aufnahmen mit ihm und Chören sind schön und für uns weiterhin ein Maßstab für guten Chorgesang.
Chorgesang klingt dann schön, wenn die Stimmen und die Stimmgruppen notengerecht und als Gleichklang "rüberkommen".
Wir müssen unbedingt die Gesangsreinheit, Notengerechtigkeit und Einsatzpräzision im Chor verbessern. Im Zweifelsfall lieber einen zahlenmäßig kleineren Chor, der diese Anforderungen erfüllt, als einen größeren, der "unsauber" klingt. Vielleicht wäre dafür - und sei es nur für einen begrenzten Zeitraum - ein/e Stimmbildner/in notwendig. Bei der Neuaufnahme von Chormitgliedern muss unbedingt darauf geachtet werden, dass sie singen und die Melodie halten können. Dies scheint in der Vergangenheit nicht immer der Fall gewesen zu sein.

Dr. Gerwin Schweiger 28. Juli 2024-19.August 2024


Im Archiv werden über die Zeit von 4 Wochen hinaus einige Beiträge aufbewahrt, die nach wie vor aktuell sind.


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